Was tue ich?

Ich darf, beginnend vom 01.09.2014 elf Monate lang an der Visions of Hope Christian School “Rose of Sharon” auf den Philippinen ein Freiwilliges Soziales Jahr machen.
Die Kinder, die ich dort unterrichten und lieb haben darf, sind ehemalige Straßenkinder im Alter von drei bis sechzeh Jahren.
Als eine von insgesamt 17 Freiwilligen, die ADRA live dieses Jahr in verschiedene Länder entsendet, habe ich nun die Möglichkeit, von meinem Überfluss abzugeben und durch meine Zeit und meine Kraft das Projek zu unterstützen und mitzuhelfen, dass Menschen wieder hoffen können.

Sonntag, 4. Januar 2015

Ueber Neujahr in den Bergen- Feuerwerk 2.0

Ein wundervolles Neues Jahr an alle meine treuen und neuen Blogleser!!

Wie auch immer Ihr Euer Jahr begonnen habt (übrigens das Jahr, in dem Ihr Euch schon mal einen Termin im Kalender freihalten solltet, wenn ich zurück bin und eine kleine Bilderreise mit Euch starten werde...)- ich habe meins in den Bergen bei einer sehr lieben Familie verbracht, die vom Blumenanbau und -verkauf lebt.
Am 31.12. durften wir von oben, im Schein des Lagerfeuers, unter den leuchtenden, klaren Sternen, das gesamte Feuerwerk von ganz Baguio betrachten.
Wenn 2015 so wird, wie es angefangen hat- dann kann es nur gut werden!!
Ich hoffe weiterhin auf Kommentare und Feedback von Euch und freue mich, den ein oder anderen Ende Juli wieder zu sehen.
Bis dahin!! :)

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Hast du?

Hast du schon mal am Boden deines Hauses mit einem Messer Dosen geöffnet?
Hast du schon mal einen Ventilator als Notenständer missbraucht, einfach, weil er die richtige Höhe hatte?
Hast du schon mal aus grünem Plastikpackband Wäscheleinen von einem Fenster des Zimmers zum anderen gespannt?
Hast du schon mal mit Hilfe zweier Haken, einer Stange und einer Fleecedecke eine Toilettentür improvisiert?
Hast du schon mal ein Schachspiel gehabt, dessen Springer Stopfgarnknäuel, dessen Türme Muscheln sind und dessen König eine halbe Walnuss ist?
Hast du schon mal Antimückenspray  als Ameisenvernichtungsmittel verwendet, und festgestellt, dass es denen ebenso wenig bekommt, wie den Moskitos?
Hast du schon mal mit Reis in Milchpulvermilch verteilt versucht, ein Müsli zu imitieren?
Nein?
Dann warst du wohl nie Philippinenfreiwilliger!!

In einem Land, in dem auf die Frage: "Wann fahren wir?" mit Sicherheit die Antwort: "Heute!" folgt, das bei einem medial um die ganze Welt ziehenden Wetterunglück lieber schläft und Percy Jackson schaut, bis es vorbei ist und in dem es nicht ungewöhnlich ist, ein kaputtes Türschloss drei Monate lang nicht auszutauschen, sondern einen kleinen banalmechanischen Riegel an der Innenseite zum sicheren Schließen der Tür anzubringen, ist Improvisation alles! Hast du Fantasie, kannst du überleben! Das haben wir in den letzten Monaten getestet und auf vielfache Weise erfahren, wie obige Beispiele nur im Ansatz andeuten. Unsere deutschen Vorstellungen von Perfektion, von Effizienz und Koordination werden so völlig auf den Kopf gestellt,dass es nicht leicht ist, seine Vorstellungen von Arbeit mit dem, was man hier vorfindet zu kombinieren. Aber es funktioniert. Jeden Tag. Und es macht unglaublich Spaß, mit den Mitteln die man hat, mit dem, was man findet, kreativ zu werden und damit das Leben zu meistern, denn mal im Ernst, mit Dosenöffnern, Notenständern, Wäschetrocknern, verriegelbaren Türen, geschnitzten Holzfiguren, Silikon in allen Fugen und Ritzen und Vollkornmüsli und Bergbauernmilch kanns ja jeder, oder? 

Sonntag, 7. Dezember 2014

Sturmfrei?!

Die Blätter stehen still. Wie versteinert liegt die Welt um uns da, wie ein gemaltes Bild, das nur wegen der Kunstfertigkeit seines Meisters immer, wenn man nicht hinsieht, den Anschein macht, als bewege es sich. Der stumpfgraue Himmel hängt über uns, wie eine Stahlplatte und begrenzt die Gedanken. Kein Vogel singt, die Strasse ist leer. Keine Jeepney-hupe, kein Tricyclegeknatter zerreißt die Stille und sägt an den Nerven, wie üblich. Um uns die grauen Mauern, über uns die graue Wolkendecke, in uns grosse Fragezeichen. Die Ruhe vor dem Sturm.

Wir erwarten seit gestern den heftigsten Taifun diesen Jahres. Unterbrechen unsere normalen Stundenpläne, laden unsere Handys, suchen unsere Notfallkontaktdaten. An der Ostküste sind ganze Landstriche evakuiert worden. Es sind Bilder wie in der Tagesschau: Menschen, zusammengedrängt in Turnhallen und Kirchen, Palmen, die sich dem Sturm beugen, Holzbretter und Hausteile, die in chaotischen Haufen durcheinander liegen. Doch noch ist er nicht hier. Hagupit heißt er, in unserer Gegend auch Ruby. Keiner weiss, wohin er zieht, keiner weiss, was passiert. Mit den Erinnerungen an Hayan noch frisch im Gedächtnis, erwarten die Menschen einen Sturm, der genau die selbe Gegend treffen soll. Doch die Prognosen versagen. Hagupit wird langsamer, ändert die Richtung, verspätet sich. Und wir warten. In der Ruhe vor dem Sturm, die fast greifbar ist.

Sonntag, 30. November 2014

Jerbie

"I think hail only comes from cumulus nimbus clouds, or what do you think?", er sieht mich direkt an.
Der grau verhangene Himmel ueber uns scheint haemisch zu grinsen und laesst spoettisch einen Regentropfen auf meinen Scheitel fallen. "Oh, really? Ya, that's possilble!", sage ich und in diesem unfassbar eloquenten Satz spiegelt sich meine Ratlosigkeit.
Ich liebe Wolken! Schleierwolken, und Quellwolken und Schaefchenwolken. Aber meine Gymnasialbildung reicht bei weitem nicht fuer solche meteorologischen Sachverhalte aus. Klein und demuetig stehe ich vor diesem vielleicht vierzehn Jahre alten Jungen, der mit einer Selbstverstaendlichkeit alle europaeischen Hauptstaedte mit Laendern aufzaehlt, Gedichtraetsel verfasst, saemtliche Liedtexte auswendig parat hat, sich in Weltgeschichte, Geografie und Philosophie weit besser auskennt, als manch ein deutscher Schueler.
Dieser Junge, der wohl seinen Atlas, seinen einzigen Besitz und groessten Schatz auswending kann, die Buecher frisst, wie eine Raupe Nimmersatt und wohl der naechste philippinische Praesident werden wird, beeindruckt mich immer wieder. Mit den weichen Gesichtszuegen seines Bruders Gino ausgestattet, mit Mut, sein Wissen auch anzubringen, mit dem Charme eines Gelehrten und dem leisen Duft einer grossen Zukunft vor sich herwabernd, geht er durchs Leben. Und laesst mich mit seinen urploetzlichen Fragen immer wieder alt aussehen. Und erleuchtet damit doch seine Umwelt.
Und mich.

Janine

Die schwarzen, kinnlangen Haare fallen nach vorn ueber ihr huebsches Gesicht, als sie sich in einer ruckartigen Bewegung, die aussieht, als wolle sie aufstehen nach vorn lehnt und nochmal von Neuem beginnt. Das Lich der Nachmittagssonne faellt schraeg durch die schmutzigen Glaslamellen auf ihre Zuege und gibt den vollen Lippen, die sie wie alle ihre Geschwister traegt, den wachen Augen und der platten Nase einen lieblichen Hauch. Sie spielt gut, was wohl daran liegt, dass ihr Englisch so gut ist, dass sie mich zumindest versteht, und weiss, was ich von ihr will. Vor ihr hatte ich Klavierschuelerinnen, die geschlagene zehn Minuten damit verbrachten, eine Tonleiter mit dem richtigen Fingersatz zu spielen- und jetzt sie. Sie, die huebsche, freundliche, angenehme Gestalt, die mich so sehr an den kleinen Gino (treue Leser haben schon von ihm gehoert) erinnert, ihren Bruder. 
CDEFGAHC-langsam und doch zielstrebig und sicher finden ihre Finger die Toene, kaum dass sie die Tasten beruehren. Sanft und fast schon scheu drueckt sie die geliebten weissen Holzkloetze herunter. "1-2-3-1-2-3-4"- ich stocke. Will den Fingersatz nicht weiter sagen. Einen Moment starre ich auf ihre Hand, dann kommt es mir doch ueber die Lippen. "Five" 
Sie gehorcht geduldig. Fasziniert sehe ich weiterhin auf ihre Hand. Ich will schreien: "Du musst das nicht machen! Nicht, wenn es dich schmerzt, nicht, wenn es dir unangenehm ist. Janine, ich bin so stolz auf dich!"
Aber sagen kann ich es nicht. Sagen kann ich nur: "Very good!" Und weiter ihren kleinen Finger betrachten, der nach zwei Fingergliedern einfach endet und den sie so selbstverstaendlich benutzt, als waere es unnormal, drei Fingersegmente und einen Fingernagel zu haben. 
Was ist wohl passiert? In was fuer einem Kampf hat sie ihn verloren? Was ist das fuer eine Geschichte? 
Was ist das fuer eine Heldin!

Sonntag, 16. November 2014

Abby

Erwartungsvoll sitzen wir da; wie die Huehner auf der Stange hat sich der gesamte Staff (also alle Mitarbeiter des Campus') inklusive Kueche und house keeping in einer Reihe, die vom einen Ende unserer Kantine bis zum anderen reicht, auf den weissen Palstikstuehlen aufgereiht. Die Ansage war auf Tagalog und wir haben keine Ahnung, was kommt. Es sind Ferien, alle Lehrer haben zusammen einen bunten Abend fuer die hier gebliebenen Kinder veranstaltet und dieser geht soeben zu Ende... Nur das noch, dann koennen wir in die Federn. Die Chefin fuer heute abend-Mae- ruft ein Kind auf, ans Mikrofon zu kommen, dann noch eins, dann ein weiteres. Immer mehr Kinder heben die Hand und wollen etwas sagen. Aus den wenigen Brocken, die ich verstehe, schliesse ich, dass es Danksagungen sind. Die Kinder, die sonst oft so frech, aufsaessig und ungehorsam sind, denen man anscheinend nichts geben, nichts beibringen kann, wollen von sich aus Danke sagen!!

Als mehr und mehr Kinder aufstehen, greift Mae kurzerhand zum Radikalschlag: "You have five minutes- say, what you have to say!" (Ihr habt fuenf Minuten, sagt, was ihr sagen wollt)
Einen Moment ist es ganz still. Dann loest sich das erste Kind aus dem Haufen und stuermt auf seinen Lehrer zu. Dann noch eines, noch eines, noch eines. Eine, vielleicht zwei Sekunden lang sitze ich da. Schweigend. Nachdenkend. Wird ueberhaupt ein Kind zu mir kommen? Habe ich mich in die Herzen der Kinder, in irgendein Herz schleichen koennen? Habe ich etwas bewirkt? Wollen sie mir etwas sagen? Kennen sie ueberhaupt meinen Namen?
Ploetzlich fliegt etwas auf mich zu. Schwarze Haare, kleine Kinderarme, die sich um meinen Hals schlingen. "Teacher Melanie, I love you!", fluestert sie mir ins Ohr. Ich kann sie einfach nur festhalten, bevor drei, fuenf, zehn Kinder auf mich einstuermen und jeder ein Stueck von mir will. Meine kleine, manchmal echt nervige, aber immer treue, das erste Kind, dass ich hier mit Namen kannte, meine kleine huebsche, musikalische Abby.  

Der schoenste Tag im Leben...

Ich stehe an der Ecke des Raumes, bin gerade erst durch die offene Glasfassade eingetreten. Der Wind faehrt mir durch die- nach langem Suchen massgeschneiderte- Nationaltracht und spielt mit meinen Haaren.
Vollkommen fasziniert stehe ich da und staune. Die Halle ist in Lila-und Gelbtoenen dekoriert und die Lichter an der Decke spiegeln sich im weiss strahlenden Fussboden.
Doch das einzige, was meine Aufmerksamkeit fesselt, steht vor der Tuer. Zwanzig weiss gekleidete Frauen, davor in lila huebsch zurecht gemachte Maedchen und davor Familienangehoerige- Vaeter, Tanten, Mamas. Ploetzlich erklingt eine allzu bekannte Melodie und man vernimmt aus den Lautsprechern Wagner.
Und zu den Lohengrinklaengen, werden die Namen der Wartenden aufgerufen. "Treulich gefuehrt, ziehet dahin..." eine nach der anderen wird nach vorn geleitet und die Reihe der Wartenden wird immer kuerzer.
Als alle zwanzig Paare zusammen auf der Buehne Platz genommen haben, setzen auch wir uns in der Menge der Gaeste.
Eine Massenhochzeit.
Das erste Mal, dass ich so etwas sehe und als ich spaeter von einem Briten gefragt werde: "That was kinda awkward, huh?" (Das war ziemlich seltsam) kann ich nur zustimmen. Es ist so ganz anders, als alles, was man sich in seinen Maedchentraeumen und zartcremefarbenen Vorstellungen vom perfekten Tag im Leben hier in Europa ausmalt. Die ganze Zeit ueber habe ich das Gefuehl, das ganze waere nur eine Inszenierung, eine Unwirkliche Sache, eine Vorfuehrung. Die jungen Frauen in ihren weissen Kleidern, die Maenner, die die Ringe einfach aus der Hosentasche ziehen, die wenigen Lieder, die den Paaren gesungen werden- das alles wirkt auf mich, wie eine Darstellung von Hochzeit, aber nicht, wie eine ernsthafte Sache. Und dann kommen Gedanken.
Was ist ein Mensch wert? Was ist so eine Hochzeit wert, dass wir bei uns eine tausendprozentige Maerchenzeremonie aufziehen, am besten mit Schloss und Kutsche und Einhoernern und hier werden einfach zwanzig Paare auf einmal getraut? Wie viel Aufwand wird betrieben fuer solche Ereignisse bei uns in Deutschland? Und warum kommt es einem so seltsam vor, dass hier Menschen, wie auf einem Amt im Dutzend abgehandelt werden? Warum ist man selbst so verwoehnt und hat ganz genaue Vorstellungen, Ansprueche, Wuensche wohingegen diese Paare hier, fuer die das wohl der unfassbarste Tag im Leben war, gluecklich sind, ueberhaupt in solche einer Feier zu heiraten? (Die hier getrauten Paare koennten sich keine Hochzeit leisten, da es ehemalige Strassenfamilien sind und wurden deshalb von CCT gesponsort, damit sie, wenn auch alle zusammen, eine richtige Hochzeitszeremonie erleben konnten)
Worauf kommt es an? Auf die Blumendekoration? Den roten Teppich im Mittelgang? Die unfassbar schoen hergerichtete Tafel, an der die Paare spaeter Platz nehmen? Auf die weissen Kleider und die huebschen Blumenmaedchen? Auf den unterschriebenen Ehevertrag?
Macht nicht die Tatsache den Unterschied, dass es ein Tag, wie kein anderer im Leben sein soll? Dass dieses Ereignis unvergesslich, unvergleichlich wertvoll fuer diejenigen sein soll, die es erleben?
Wenn das das Ziel ist, wuerde ich sagen- Ziel erreicht!